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Gedichte

Hoffnung
von Friedrich Schiller

Es reden und träumen die Menschen viel
     Von bessern künftigen Tagen,
Nach einem glücklichen goldenen Ziel
     Sieht man sie rennen und jagen;
Die Welt wird alt und wird wieder jung,
Doch der Mensch hofft immer Verbesserung.

Die Hoffnung führt ihn ins Leben ein,
     Sie umflattert den fröhlichen Knaben,
Den Jüngling locket ihr Zauberschein,
     Sie wird mit dem Greis nicht begraben;
Denn beschließt er im Grabe den müden Lauf
Noch am Grabe pflanzt er – die Hoffnung auf.

Es ist kein leerer schmeichelnder Wahn,
     Erzeugt im Gehirne des Toren,
Im Herzen kündet es laut sich an:
     Zu was Besserm sind wir geboren.
Und was die innere Stimme spricht,
Das täuscht die hoffende Seele nicht.
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Gedichte

Rätsel
von Friedrich Schiller

Auf einer großen Weide gehen
     Viel tausend Schafe silberweiß;
Wie wir sie heute wandeln sehen,
     Sah sie der allerält´ste Greis.

Sie altern nie und trinken Leben
    Aus einem unerschöpften Born,
Ein Hirt ist ihnen zugegeben
     Mit schön gebognem Silberhorn.

Er treibt sie aus zu goldenen Toren,
     Er überzählt sie jede Nacht,
Und hat der Lämmer keins verloren,
     So oft er auch den Weg vollbracht.

Ein treuer Hund hilft sie ihm leiten,
     Ein muntrer Widder geht voran.
Die Herde, kannst du sie mir deuten?
     Und auch den Hirten zeig´ mir an.
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Gedichte
Parabel
von Friedrich Schiller

Es führt dich meilenweit von dannen
     Und bleibt doch stets an seinem Ort,
 Es hat nicht Flügel auszuspannen        
     Und trägt dich durch die Lüfte fort.

Es ist die allerschnellste Fähre,            
     Die jemals einen Wandrer trug,
Und durch das größte aller Meere
     Trägt es dich mit Gedankenflug - 
     Ihm ist ein Augenblick genug!
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Gedichte
Rätsel
von Fruedrich Schiller

Von Perlen baut sich eine Brücke
        Hoch über einen grauen See,
Sie baut sich auf im Augenblicke,
        Und schwindelnd steigt sie in die Höh´.

Der höchsten Schiffe höchste Masten
       Ziehn unter ihrem Bogen hin,
Sie selber trug noch keine Lasten
        Und scheint, wie du ihr nahst, zu fliehn.

Sie wird erst mit dem Strom – und schwindet,
        Sowie des Wassers Flut versiegt.
So sprich, wo sich die Brücke findet,
        Und wer sie künstlich hat gefügt?



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Gedichte

Guter Rat

An einem Sommermorgen
Da nimm den Wanderstab,
Es fallen deine Sorgen
Wie Nebel von dir ab.

Des Himmels heitere Bläue
Lacht dir ins Herz hinein,
Und schließt, wie Gottes Treue,
Mit seinem Dach dich ein.

Theodor Fontane
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Gedichte

Eins und Alles

Im Grenzenlosen sich zu finden,
Wird gern der Einzelne verschwinden,
Da löst sich aller Überdruss;
Statt heißem Wünschen, wildem Wollen,
Statt lästgem Fordern, strengem Sollen,
Sich aufzugeben ist Genuss.

Weltseele, komm, uns zu durchdringen!
Dann mit dem Weltgeist selbst zu ringen
Wird unser Kräfte Hochberuf.
Teilnehmend führen gute Geister,
Gelinde leistend, höchste Meister,
Zu dem, der alles schaft und schuf.

Und umzuschaffen das Geschaffne,
Damit sich´s nicht zum Starren waffne,
Wirkt ewiges lebendiges Tun.
Und was nicht war, nun will es werden,

Zu reinen Sonnen, farbigen Erden,
In kleinem Falle darf es ruhn.

Es soll sich regen, schaffend handeln,
Erst sich gestalten, dann verwandeln;
Nur scheinbar steht´s Momente still.

Das Ewige regt sich fort in allen,
Denn alles muss in Nichts zerfallen,
Wenn es im Sein beharren will.

Johann Wolfgang von Goethe
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Gedichte

Bundeslied
In allen guten Stunden,
Erhöht von Lieb und Wein
Soll dieses Lied verbunden
Von uns gesungen sein!
Uns hält der Gott zusammen,
Der unshierher gebracht.
Erneuert unsre Flammen,
Er hat sie angefacht.

Wer lebt in unseren Kreise,
Und lebt nicht selig sein?
Genießt die freie Weise
Und treuen Brudersinn!
So bleibt durch alle Zeiten
Herz Herzen zugekehrt;
Von keinen Kleinigkeiten
Wird unser Bund gestört.

Uns hat ein Gott gesegnet
Mit freiem Lebensblick,
Und alles, was begegnet,
Erneuert unser Glück.
Durch Grillen nicht gedränget,
Verknickt sich keine Lust;
Durch Zieren nicht geenget,
Schlägt freier unsre Brust.

Johann Wolfgang von Goethe, „Bundeslied“, 1776
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Gedichte

Die Liebe

Die Liebe hemmet nichts; sie kennt nicht Tür noch Riegel
Und dringt durch alles sich;
Sie ist ohn Anbeginn, schlug ewig ihre Flügel
Und schlägt sie ewiglich.

Matthias Claudius
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Gedichte

Motet

Der Mensch lebt und bestehet
Nur eine kleine Zeit;
Und alle Welt vergehet
Mit ihrer Herrlichkeit.
Es ist nur Einer ewig und an allen Enden,
Und wir in seinen Händen.

Matthias Claudius
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Gedichte

Diese Richtung ist gewiss,
Immer schreite, schreite!
Finsternis und Hindernis
Drängt mich nicht zur Seite.

Johann Wolfgang von Goethe